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Statussymbole im Wandel der Zeit

Spricht man über die Veränderungen der Welt, verweist man häufig auf technologische Errungenschaften. Denn es ist simpel und man kann eindeutig darauf deuten, dass es beispielsweise Sprunginnovationen wie die des Smartphones gibt, welche die Welt in ein Vorher und ein Nachher teilen.

 

Der Wertewandel innerhalb der Gesellschaft geschieht parallel dazu, doch ist er zunächst unauffälliger. Denn um diesen “mit bloßem Auge” erkennen zu können, bedarf es vor allem des Faktors Zeit. Erst im Vergleich mit vergangenen Jahrzehnten erkennen wir die Unterschiede und blicken stellenweise verblüfft auf die ehemals als richtig und wichtig anerkannten Wertehaushalte und Grundannahmen.

 

Mit Staunen betrachten wir beispielsweise die Fotos der Szene von 1967, als der Rennleiter des Marathons in Boston hinter einer Hecke auf Kathrine Switzer wartete, um sie aus dem Rennen zu stoßen, nachdem sie sich als Mann getarnt in die Sportveranstaltung eingeschlichen hatte. Denn zu diesem Zeitpunkt war es Frauen nicht erlaubt, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Anfangs begründeten sogar renommierte Ärzte dies mit der weiblichen Anatomie. Als das als unwahr entlarvt wurde, hat man die weniger beweisbare Moralkeule geschwungen und mit dieser gegen die Teilnahme der Frauen argumentiert. Zum Glück lief Kathrines Freund mit - ein kantiger Hammerwerfer - und beförderte den Mann zurück in die Hecke. Ebenfall zum Glück beendete Katherine erfolgreich das Rennen und bewies das bis dahin Unmögliche. Als 70-jährige lief sie erneut den Boston-Marathon. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Startnummer 261 aus dem Jahr 1967 längst zum Code für Gleichgesinnung aufgestiegen.

 

Mit genügend Abstand erkennen wir die Unterschiede der Haltungen und Annahmen und damit den fortschreitenden Wandel der Werte. Doch dieser geschieht - anders als der besagte technologische Wandel - seltener in Disruptionen. Vielmehr ist es ein klandestiner, fortschreitender Prozess, der nur bei genauer Hinsicht “tagesaktuell” vernommen werden kann.

 

Wann man “es geschafft” hat

 

Als Berater:innen innerhalb der Wirtschaft hat man hierbei gewisse Vorteile: einerseits begleitet man zeitgleich mehrere Unternehmen. Andererseits ist man darin häufig auf allen Hierarchieebenen tätig, was ebenfalls neue Perspektiven eröffnet. Bündelt man die feinen Beobachtungen, lassen sich eventuell Muster erkennen, noch bevor sie durch den Faktor Zeit besser sichtbar werden.

 

 

“Ich kann die Menschen mit so etwas wie einem Firmenwagen nicht mehr beeindrucken. Einige haben nichtmal einen Führerschein.”, sagte uns ein Werksleiter.“Aber mehr Freizeit oder die ortsunabhängige Arbeit, das sind die neuen Magneten der Personalgewinnung.”

 

 

Relativ deutlich nehmen wir in den letzten Jahren eine spezielle Veränderung wahr. Und zwar in der Betrachtungsweise, wann man “es geschafft” hat. Also wann ein Mensch das eine Plateau erreicht hat, welches er die ganze Zeit vorher versucht hatte zu erklimmen. Dass es im Grunde nie ein echtes Plateau ist, vielmehr nur eine Zwischenstation, um die erreichten Ziele weiterzudenken und sich wieder auf die Reise zu machen, das ist eine andere Geschichte. Spannend an dieser Stelle finden wir zunächst die völlig unterschiedlichen Auslegungen zwischen den Hierarchieebenen, den dazugehörenden Generationen und den Zeitpunkten der Beantwortung dieser Frage.

 

Von den drei A…

 

Die drei A waren anzustrebende Attribute, die jeder karrierebewusste, ambitionierte Mensch anstrebte. Wer hier drei Haken setzen konnte, der wusste, dass er am Ziel war:

 

Auto - als Sinnbild für alles Materielle, welches man sich nach Jahren des Strebens leisten konnte und ebenso zur Schau trug.

 

Anzug - als Trennlinie zwischen “denen da oben” und “denen da unten”. Wer Hemd und Krawatte zu seiner Dienstkleidung zählte, trug die Insignien des Erfolgs auf dem Leib.

 

Ansehen - was die anderen von einem hielten, stand im Zentrum des eigenen Strebens. Der neidische Blick von außen galt vielen als endgültiger Beweis der eigenen Stellung.

 

Leider waren allesamt davon abhängig waren, wie andere einen sehen. Also ob diese Attribute von außen zuschauenden Personen gewährt wurden oder nicht. Zudem war es ein ewiger Lauf zum neuesten Wagen und der nächsten Armbanduhr, weil das Ansehen sonst Schaden nehmen würde und der Ruf ramponiert werden könnte.

 

…zu den drei F

 

Mittlerweile sehen wir die drei A als abgelöst. Nicht überall und nicht vollumfänglich. Doch glänzen die Augen von immer weniger Bewerbern, wenn man ihnen im Vorstellungsgespräch einen schicken Firmenwagen anbietet. Das könnte daran liegen, dass sie eine andere Vorstellung von Erfolg haben, nämlich die drei F:

 

Freiheit - ob und wie man seine eigene Arbeit gestalten kann, wird zunehmend zum Erfolgsfaktor. Dazu gehören vor allem die Beteiligung an Entscheidungen, sinnstiftende Arbeit oder die Wahl der Arbeitszeit und des Ortes.

 

Freizeit - wie viel man davon hat und wie man diese nutzt, kam als weiterer Faktor hinzu. Das löst das Denken ab, dass die wenigen Urlaubstage pro Jahr ausreichen, um Stress und Überstunden der “übrigen” 330 Tage auszugleichen. Qualitätszeit mit der Familie, den Freunden oder auch einfach mit sich selbst steht plötzlich hoch im Kurs. Der Kollege der sein Leben zugunsten des Unternehmens opfert, scheint wie aus der Zeit gefallen.

 

Fitness - sowohl körperlich als auch mental ist diese Eigenschaft in der Konsumgesellschaft etwas besonderes. Diese kann man nämlich auch mit noch so viel Geld nicht kaufen, nicht leihen und nicht “faken”. Es ist sehr beeindruckend, genügend Zeit und vor allem Durchhaltevermögen zu besitzen, um auf sich selbst und seine Gesundheit zu achten.

 

Insgesamt sind alle drei Attribute nicht (mehr) darauf angewiesen, was die anderen von einem halten, wie man wirkt und ob es allen gefällt. Dieser neue Luxus ist nah bei einem selbst und weitestgehend nicht an das Urteil der anderen gebunden. Egoistisch könnten es manche schimpfen, andere wiederum als selbstbewusst und -reflektiert hochpreisen.

 

Die Zeichen der (jeweiligen) Zeit

 

Angenommen unsere Beobachtungen sind richtig. Oder zumindest liegen wir nicht ganz falsch wenn wir sagen, dass sich beim Thema “es geschafft haben” ein Wandel vollzieht.

Gepaart mit der Erkenntnis, dass wir neuen Trends und Haltungen stellenweise mit Argwohn und Ablehnung begegnen. Was könnten wir ableiten und bereits heute anders machen?

 

Wahrscheinlich liegt die Antwort darin, nicht vorschnell zu urteilen, weder in die eine, noch die andere Richtung. Denn diejenigen, die an Vergangenem festhalten werden das Neue kritisieren und umgekehrt diejenigen die eine neue Haltung angenommen haben, wenig Verständnis für die Vergangenheit haben. Dabei hatten und haben beide Ansichten schlichtweg ihre eigene Zeit und Daseinsberechtigung.

 

Im Alltag könnte das bedeuten, nicht den jungen Kollegen zu verurteilen, weil er eine Vier-Tage-Woche anstrebt. Ebenso wenig sollte dieser die Augen nicht verdrehen, nur weil die Geschäftsführerin ihr pompöses Büro im zehnten Stock nicht aufgeben möchte, ist es doch in ihrer Generation ein anzustrebendes Statussymbol gewesen.

 

Aber es wird vermutlich eine Zeit kommen, da werden die neuen Ansätze auch sie einholen und begeistern. Und eventuell werden Freiheit, Freizeit und Fitness auch für die Frau im zehnten Stock erstrebenswerte Errungenschaften werden.

 

Eine junge Referentin sagte während einer Beratung, dass ihr die Menschen etwas leid tun, die sie morgens im Anzug zur Arbeit gehen sieht. “Wenn sie das mögen, dann ist das in Ordnung. Aber wenn sie nicht einmal darin frei sein sollten, ihre Kleidung frei zu wählen, dann frage ich mich, ob sie überhaupt Freiraum in ihrem Unternehmen haben.”

 

Entsprechend sollten wir darauf achten, dass wir die neuen Trends im Auge behalten, verstehen und wenn sie passen auch rechtzeitig annehmen. Nicht alles Neue ist gut, nicht alles Alte ist schlecht. Aber stellenweise müssen alte Gewohnheiten und eben Haltungen abgelegt werden, um neuen Platz zu machen. Hier lohnt sich also ein genauer Blick, Neugierde und vor allem eine tiefe Selbstreflexion.

 

Schließlich möchte niemand als der Mann in der Hecke enden, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und Marathon laufende Frauen verbieten wollte.

 

Diese Beobachtungen hat zusammengestellt:

Christoph Smak

(der immer im Anzug arbeiten wollte
und nun glücklich im T-Shirt ist)