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Sprache, Macht und Positionen

Liebe Simone,

Du bist Texterin und Content-Coach und sendest auf LinkedIn und anderen Kanälen immer wieder Beiträge zu Nuancen der Sprache. Darunter sind Hinweise, wie man Botschaften klug verpackt, warum die Wortwahl bereits eine Wertung sein kann oder wie simple Wortverwechslungen den gesamten Kontext verändern können.

Worauf sollte ich in unserem Interview entsprechend achten, um keine Irritationen zu verursachen?

 

Bei mir verursachst Du in diesem Interview so schnell keine Irritationen, da kannst Du ganz entspannt sein. Grundsätzlich ist es allerdings sinnvoll, sich in Gesprächen an sein Gegenüber anzupassen. Wir tun das im Alltag ganz automatisch. Sprachliche Konvergenz nennt sich dieses Phänomen. Ob wir uns bewusst oder unbewusst anpassen, darüber gibt es in der Wissenschaft keine einheitliche Meinung. Aber wir tun es eben.

 

Welche Auswirkungen hat das auf Sprache? Vielleicht zunächst nur im Kontext des Marketings?

 

Dass wir uns aufeinander einstellen, um verstanden zu werden, ist ein entscheidender Aspekt beim Schreiben von Marketingtexten. Es heißt im Marketing völlig zu recht, dass man seine Zielgruppe kennen sollte. Dazu gehören aber nicht nur Vorlieben oder demographische Daten, sondern auch Aspekte der Sprache. Wie spricht mein potenzieller Kunde? Welche Worte mag meine Kundin vielleicht gar nicht? Gegen welche Begriffe gibt es eventuell Vorbehalte? Das gilt es auf Websites, in Blogartikeln und in Social Media zu berücksichtigen.

 

Ich vermute, sein Gegenüber zu kennen, hilft nicht nur bei Marketing-Kampagnen. Aber was passiert, wenn man die genannte sprachliche Konvergenz nicht erreicht und seine eigene Sprache beibehält, auch wenn mein Gesprächspartner eine andere Art nutzt?

 

Sprache ist ein wichtiges Stück unserer Identität. Sich auf den anderen einzustellen, hat viel mit Wertschätzung und Respekt zu tun. Wenn wir uns nicht anpassen, dann reden wir im besten Fall einfach nur aneinander vorbei. Wenn ich meine eigene Sprache aber bewusst beibehalte, dann schaffe ich damit gezielt Distanz. Auf diese Weise kann ich - mehr oder weniger subtil - ein Machtgefälle herstellen. Das ist nicht nur in privaten Beziehungen eine sehr hässliche Angelegenheit, sondern auch im Beruf.

 

Klingt wie eine Episode aus einem Buch über Führung der 90er Jahre.

 

Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich jetzt laut lachen … In vielen Unternehmen sind Silodenken und Herrschaftswissen leider immer noch an der Tagesordnung. In einer solchen Umgebung findest Du dann Kommunikationsmuster, die auf Machtspielchen beruhen. Manchmal kommt das Machtgefälle mit dem Vorschlaghammer daher. Frauen in männerdominierten Branchen können dazu sicherlich viele Geschichten mit erzählen. Ich meine solche Aussagen wie: “Sind Sie sicher, dass Sie als Frau dieses Projekt nicht überfordert?” Oft ist es aber auch schon die nonverbale Kommunikation, die klar machen soll, wer der Chef im Ring ist.

 

Ich vermute auch abseits der gezielten Nutzung der Sprache als Machtmittel, kann man durch schlichtweg unachtsame Wahl der Worte einer Angelegenheit oder Person eine Art Etikettierung geben, oder?

 

Ja, auf jeden Fall. Wir alle haben unbewusste Vorurteile Menschen, Unternehmen oder Dingen gegenüber. Diese Vorurteile beruhen auf Erfahrungen, die wir im Laufe der Zeit gesammelt haben und die wir nutzen, um Situationen zu bewerten. Mit unserer Wortwahl tragen wir diese Vorurteile nach außen. Dabei muss es nicht einmal um große Themen wie Migration oder Homosexuaität gehen.

 

Es gibt das Phänomen des wohlwollenden Disableismus: Davon sprechen wir, wenn ein Mensch, der eine körperliche Beeinträchtigung hat, dadurch diskriminiert wird, dass man dieser Person zwar sehr freundlich begegnet, sie aber eher wie ein Kind behandelt und nicht wie einen mündigen Erwachsenen. Das mag nett, also wohlwollend gemeint sein, kommt aber eben falsch an.

 

Ein anderes Beispiel ist das Code Switching, bei dem Menschen situationsabhängig ihr Verhalten verändern, um nicht irgendwelche Klischees oder Stereotype zu bedienen. Dazu gehört auch, dass sich jemand einen Dialekt oder Akzent abtrainiert, um sich der Mehrheit anzupassen. Dialekt-Sprecher gelten in Deutschland als eher ungebildet. Wer also in Meetings häufiger als “der Bayer” oder “unser Sachse” vorgestellt worden ist, bekommt schnell mal das Etikett “nicht der Hellste”.

 

Das sind ja reichlich Fallen, in die man versehentlich tappen kann. Und doch kommen wir nicht drumherum, mit anderen Menschen ständig zu kommunizieren. Gibt es eine Art Maxime, die man nutzen kann, um möglichst ohne Sprachverfehlungen durch den (Arbeits-)Tag zu kommen?

 

Das ist leider gar nicht so einfach. Eine Maxime gibt es in dem Sinne nicht. Was ich aber wichtig finde: offen zu sein für das Thema insgesamt und sich selbst für Sprache zu sensibilisieren. Wenn ich persönlich einen Spruch oder eine Formulierung als harmlos empfinde, heißt das noch längst nicht, dass es meinem Gegenüber auch so geht.

 

Menschen möchten gesehen und wertgeschätzt werden. Deshalb ist ein empathischer Umgang mit Sprache aus meiner Sicht enorm wichtig. Sich immer wieder selbstkritisch zu reflektieren und die eigene Sprache oder die Wortwahl im Team unter die Lupe zu nehmen, gehört auch dazu. Das hat nichts mit “Sprachpolizei” zu tun, sondern ist Zeichen eines respektvollen, zeitgemäßen Sprachgebrauchs. Und das sollte das Ziel sein, denke ich.

Simone Maader ist Texterin, Mentorin und Content-Spezialistin

mit einem großen Herz für die deutsche Sprache.

Seit 2008 unterstützt sie Unternehmen und Selbstständige,

die Sinnhaftes tun, gesehen, gehört und verstanden zu werden.

https://www.maader.de/

 

Das Interview fühte Christoph Smak