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Agilitarier aller Welt, spezialisiert Euch!

Agilitäts-Profis unter sich

 

 

 

2018 geht allmählich zu Ende. Für uns von Storylines war es ein buntes Jahr voller Entwicklungen, Erfahrungen und Lerngelegenheiten. Letztere haben wir unter anderem durch zahlreiche Besuche von Barcamps, Messen und anderen Austauschforen gepusht.

 

 

 

Mit großem Interesse haben wir auch diverse Veranstaltungen besucht, deren Zielgruppe aktive „Agilisten“ sind, also Menschen die als Agile Coach, Scrum-Master, Agiler Organisationsentwickler etc. arbeiten. Im Grunde also alle, die sich professionell mit dem neuen* Thema befassen (*ja, ich weiß, man kann den Begriff und die Entwicklung bis ins Jahr 1954 zurückverfolgen, aber das wollen wir an der Stelle doch nicht diskutieren).

 

 

 

Während man auf Kongressen zum Thema Agilität in der Regel gut vorbereitete Redner mit tollen Impulsen vorfindet, hat sich beim Besuch einiger Barcamps bei uns ein leiser Verdacht eingeschlichen. Diesen wollten wir zunächst nicht wahrhaben. Im ehrlichen Austausch im Nachhinein und unter uns, wurde das seltsame Bauchgefühl jedoch zunehmend manifestiert. Der Satz einer Kollegin brachte es letztendlich schmerzhaft auf den Punkt: „So langsam läuft es hier wie damals bei den Business-Coaches!“

 

 

 

Ich kann alles coachen!

 

 

 

Mit damals ist die Zeit vor einigen Jahren gemeint, als gefühlt jeder eine Coaching-Ausbildung machte. Diese ist – wenn sie länger dauert und gut gemacht ist – eine wertvolle Erfahrung für jeden, keine Frage. Doch die Absicht mancher Teilnehmer bestand scheinbar darin, möglichst schnell und im Alleingang den Markt zu erobern und sofort Top-Executives durch Fragen wie „Und was macht das mit Ihnen?“ zu entwickeln. Ach ja, horrende Stundensätze zu verdienen könnte ebenfalls ein Beweggrund für manchen gewesen sein.

 

 

 

In unserer Tätigkeit als Personal- und Organisationsentwickler, als Experte oder Teamleiter, haben wir immer mal wieder Coaches gesucht und kennengelernt. Darunter wunderbare, professionelle und geniale Menschen. Leider jedoch auch diejenigen, die angeblich alles coachen können („ist ja systemisch, also kann ich jedes Thema“). Völlig unabhängig von ihrer eigenen Erfahrung und persönlichen Talenten.

 

 

 

Wie sehr haben wir es da genossen, wenn jemand mit einem echten Schwerpunkt und praxisnahen Erfahrungen kam. Wenn der Coach z.B. ehemaliger Vertriebler war, dann eine Coaching-Ausbildung machte und jetzt – Schuster bleib bei Deinen Leisten! – Vertriebler coacht. Der wusste über seine Zielgruppe bestens Bescheid, kannte deren Pain-Points und konnte praxisnahe Impulse geben. Wenn ein Vertriebskollege ein Coaching benötigte, war er gleich der erste der einem in den Sinn kam. Die Ich-kann-alles-coachen-Coaches eher weniger.

 

 

 

Ich kann alles agilisieren!

 

 

 

Doch nun zurück zu unserem miesen Bauchgefühl nach manch einem Barcamp zum Thema Agilität. Auch dort trifft man auf Experten ihres Fachs, denen man den ganzen Tag lauschen könnte, um hinterher mit rauchendem Kopf davonzuziehen und sich wie ein Schimpanse zu fühlen, der soeben Wikipedia durchgelesen hat. Impulse und best practices kann man dort ebenso mitnehmen, wie die Kontakte zu grandiosen Trainern, Beratern und einfach tollen Menschen.

 

 

 

Aaaaaber… man trifft dort eben auch andere Zeitgenossen. Diese haben sicherlich ebenfalls Themen und Bereiche, in denen sie sich richtig gut auskennen, man muss sie nur zur richtigen Zeit kennenlernen. Wenn man sie z.B. in einer Session zu Scrum beobachtet, kann man durchaus staunen. Bereitwillig geben sie ihr Wissen weiter und geben wirklich gute Tipps wie „Du musst das Burndown-Chart immer im Auge behalten“, ein „Backlog-Grooming durchführen“ oder „eine community of practice“ einführen. Wow, die können was, hier bleibe ich und lerne.

 

 

 

Doch dann verändern sich die Themengeber und der besprochene Fachbereich. Man spricht plötzlich z.B. über den agilen Wandel ganzer Unternehmen. Ein gänzlich anderes Thema mit neuen Herausforderungen und Grundsätzen. Und genau hier wird das Bauchgefühl deutlich spürbar: die Haltung „ich bin agiler Profi, ich kann überall mitreden.“ Selbige Experten, die soeben noch mit Wissen glänzten, versuchen sich hier plötzlich als Organisationsentwickler. Bedienen sich dabei jedoch derjenigen Tools und Erfahrungen, die sie nunmal haben. Bei der nächsten Session geht es um die Entwicklung von Führungskräften? Macht nichts, auch da können sie mitreden, schließlich sind sie ja agil. Am Nachmittag ist das Thema Agilität in der Verwaltung? Der erfahrene Scrum-Master hat auch hierzu eine Meinung, die er gerne kundtut und Empfehlungen ausspricht, auch wenn er den Themengeber eher irritiert zurücklässt.

 

 

 

Dummerweise tappt man mit diesem Vorgehen in die gleiche Falle, wie der besagte Business-Coach vor ein paar Jahren. Auch dieser meinte damals, mit dem systemischen Vorgehen die Methode gefunden zu haben, um überall beraten und mitreden zu können. Ungeachtet dessen, ob sein Wirken einen Mehrwert hatte oder nicht. Macht nichts, man war ja systemisch.

 

 

 

Ich glaube, die meisten Coaches haben ihre Lektion mittlerweile gelernt und fokussieren sich zunehmend auf einen ihnen naheliegenden Bereich. Diejenigen, die nun im agilen Bereich arbeiten, müssen ihre Fehler nicht zwingend wiederholen.

 

Spezielles Spezialwissen ist gefragt(er)

 

 

 

Betrachtet man das aus dieser Perspektive, stellt man sich mehrere Fragen. Wie ist es denn mit Schwerpunkten der agilen Arbeit? Und mit der Nutzung eigener Talente? Oder schlichtweg damit, die Klappe an den Stellen zu halten, an denen man nicht alles versteht? Ganz abgesehen davon, das Agilität nichts für jeden Bereich und jedes Produkt ist, auch das ist hinlänglich (wissenschaftlich) belegt.

 

 

 

Die Business-Coaches von damals waren getrieben von dem Gedanken, dass mehr Bandbreite auch mehr Aufträge ergibt. Das Ergebnis war jedoch umgekehrt. Man erinnerte sich nicht an „den einen Coach der alles kann“, sondern viel eher an den einen „Konflikt-Profi“, den „Teamentwickler“ oder den „Präsenzcoach.“

 

 

 

Wer sich von den Agilisten also auf einen einzelnen Bereich konzentriert, kann hier schnell zum gefragten Experten heranwachsen. Denn mit speziellen Fähigkeiten kann man diesen Ruf eher erreichen, als mit universellen. Und letztendlich, seien wir mal ehrlich, fühlen wir uns doch in unserem gewohnten Umfeld am (selbst-) sichersten. Klar sollten wir uns und unsere Themen stets weiterentwickeln. Aber bitte nicht quer über Branchen, Themen und Professionen. Das nimmt uns keiner ab. Damit schaden wir auch dem gesamten Ansatz der Agilität, wenn wir viel heiße Luft machen, ohne auf den Punkt zu beraten und praxisnah zu begleiten.

 

 

 

Start where You are, lautet ein weiser Satz. Gelegentliche Perspektivwechsel bringen jeden sicherlich weiter. Wenn man dann aber wieder "an seinem Platz" ist, kann man dort umso besser als Experte glänzen.

 

Christoph Smak

 

ist Gründer von Storylines sowie

Trainer für Agile Führung und Organisationsentwicklung...mehr nicht ;o)