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Vom neuen Umgang mit Emotionen - Interview mit Viviane Jovanov

Liebe Viviane, als gelernte Schauspielerin musst Du Dich viel mit Emotionen auseinandersetzen. Ist das mehr als Weinen auf Knopfdruck?

 

Definitiv! Oft höre ich von vielen Seiten: „Als Schauspielerin tut man ja nur so als ob, das ist nicht für jeden etwas“. Ich behaupte, so ist es nicht! Wer im „richtigen“ Leben authentisch ist, ist auch auf der Bühne oder vor der Kamera authentisch. Es geht nicht darum, so zu tun als ob, sondern als Schauspielerin wahrhaftig zu fühlen und auszudrücken, was die Rolle fühlt und ausdrückt. Im Grunde genommen ist Schauspiel die Fähigkeit, emotional kompetent und empathisch zu sein.

 

Emotionalität ist auch in der Führung sehr wichtig. Der Mitarbeiter möchte gerne hinter die Fassade eines Managers schauen, weil ihm das Sicherheit gibt. Kürzlich hatte ich mich jedoch mit einer Bankmanagerin unterhalten. Sie berichtete, dass sie in einem Workshop über ihre Gefühle sprechen sollte und fand das völlig unmöglich. Meinst Du man kann seine Gefühle so sehr steuern, dass man sie unangenehm findet oder beinahe vergisst?

 

Nein, denn wenn wir unsere Gefühle als unangenehm erleben oder gar vergessen wie fühlen geht, hat das nichts mit Gefühlssteuerung zu tun. In dem Fall stellen wir unsere Gefühle ab oder werden von Ihnen fremdbestimmt. Beides ist im Gegensatz zur Gefühlssteuerung ein unbewusster Vorgang.

 

Und wie verhält es sich mit einem authentischen Auftreten? Mal hört man, dass man einfach so sein soll, wie man ist, ein andermal heißt es, dass Authentizität gelernt sein muss. Wie siehst Du das?

 

Ich denke, es stimmt beides.

Als Kinder waren wir ganz wir selbst, hatten einen direkten Zugang zu unseren Gefühlen und haben sie, ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken, ausgedrückt. Unser Auftreten war somit authentisch, wenn auch nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechend.

Im Laufe der Jahre haben wir angefangen, unsere Vorbilder nachzuahmen und uns anzupassen, um in der Gesellschaft zu funktionieren. Dies ist meist ein unbewusster Vorgang.

Als erwachsener Mensch geht es darum, uns bewusst mit uns selbst auseinanderzusetzen, uns und unser Verhalten zu reflektieren und herauszufinden, was unser ganz eigener Ausdruck in den verschiedenen Situationen mit den unterschiedlichsten Menschen ist.

Authentisch aufzutreten heißt meiner Meinung nach, einen bewussten, individuellen und doch gesellschaftskompatiblen Umgang mit den vielen Gefühlen und Facetten zu finden, die uns ausmachen.

 

Du gibst Trainings zu emotionaler Kompetenz. Mit welchen Anliegen kommen die Teilnehmer in Deine Seminare?

 

Ich gebe unter anderem sogenannte Emotionstrainings. Die Anliegen beziehen sich darauf, dass ein negativ bewertetes Gefühl, wie z.B. Wut, Angst, Scham oder Trauer die Teilnehmer daran hindert, sachlich zu bleiben und die Kommunikation nicht mehr funktioniert. Z.B. der cholerische Mitarbeiter, der regelmäßig seine Kollegen anbrüllt und dadurch die Stimmung im Team immer schlechter wird oder aber der ängstliche Chef, der seine Führungsposition nicht einnimmt und dem die Mitarbeiter entgleiten und es drunter und drüber geht, die Ehefrau, die sich nicht gesehen fühlt und daher eine zickige Furie wird und sich selbst dafür hasst und ihr Ehemann, der hilflos ist und sich deswegen immer mehr in seine Arbeit flüchtet.

 

Empathie hat hauptsächlich mit unserer Selbstwahrnehmung zu tun

 

Auch wenn es mich spontan sehr interessieren würde, wie die zickige Furie wieder entspannter werden kann, habe ich eine dringendere Frage, die mir schon seit Jahren immer wieder begegnet: die Führungskräfte von heute sollen unter anderem über Empathie verfügen. Das fällt ihnen oftmals schwer, sind sie doch Jahrzehntelang auf die Steuerung von Prozessen und Schaffung von Strukturen getrimmt worden. Wie siehst Du es, kann man Empathie lernen?

 

Da Empathie hauptsächlich mit unserer Selbstwahrnehmung zu tun hat bin ich der Meinung, dass jeder Mensch seine Empathiefähigkeit trainieren kann.

Wir werden mit dieser Fähigkeit geboren und je bewusster unser Umgang damit ist, desto stärker oder eben weniger stark ist unsere Empathie anderen Menschen gegenüber.

 

Auch der IT-ler von heute steht im Wandel. Seine Rolle hat sich in den letzten Jahren vom nerdigen Druckerinstallierer zum Keyplayer der Wirtschaft gewandelt. Wir arbeiten gerade daran, den Workshop „Softskills für ITler“ aufzustellen. Was möchtest Du den Teilnehmern in diesem Workshop vermitteln?

 

Der Hauptfokus dieses Workshops liegt auf unserer Kommunikations- und Kritikfähigkeit.

Hieran arbeite ich mit den Teilnehmern zum einen mit Coachingmodellen und Gesprächen, sowie mit praktischen Übungen aus dem Schauspiel, der Neurolinguistischen Programmierung, gewaltfreier Kommunikation und der Bioenergetik (Körperbewusstseinstraining).

Wir trainieren über die Eigen- und Fremdwahrnehmung unsere Empathie, unser Selbstbewusstsein und unseren Teamgeist.

Wenn dieser Grundstein gelegt ist, geht es in die Emotionssteuerung, durch die wir in Beziehung  mit unseren Mitmenschen treten und welche die Basis für jegliche Art von Kommunikation darstellt. Mit Kommunikation meine ich in dem Fall nicht allein das gesprochene Wort, sondern ein stimmiges Gesamtbild aus Körpersprache, Ausstrahlung, Stimme und zu guter Letzt auch aus unserer Sprache.

 

Da wir vorhaben, das Training im Tandem aus zwei Trainern anzubieten, würde ich zusätzlich um Themen wie Visualisierung, Reduzierung der Fachkomplexität und Meeting-Kompetenz ergänzen. Zudem würden wir darin Situationen betrachten, in denen „nicht-ITler“ und ITler aneinandergeraten und mögliche Lösungen erarbeiten. Das klingt doch nach einem guten, gemeinsamen Ansatz, oder?

 

Das ist perfekt! Die Arbeit in einer Gruppe von 6-12 TN mit zwei Trainern hat sich im Rückblick auf meine Arbeit am meisten bewährt. So haben wir als Trainer 4 wachsame Augen mit unterschiedlichen Blickwinkeln und Kompetenzen auf das Geschehen und können daher jeden Teilnehmer abholen, wo er steht und auch individuell dorthin begleiten, wo er/sie hin möchte. Zudem ist die Mischung aus Praxis und Theorie / Kopfarbeit und Körper- /Gefühlstraining das, was die Teilnehmer aus meinen anderen Seminarformaten als sehr positiv, lebendig und nachhaltig empfinden.

 

Das Wissen, was in der Theorie weitergegeben wird, wird im weiteren Schritt direkt auf der körperlichen und emotionalen Ebene erfahren und abgespeichert. So funktionieren erfolgreiche Transformationsprozesse: ganzheitlich. Ich freue mich auf die Arbeit mit und bei Euch!

Viviane hat 2009 ihre Schauspielausbildung mit der Bühnenreifeprüfung abgeschlossen. Anschließend schrieb und spielte sie eigene Theaterstücke, darunter auch Präventionstheater für Jugendliche.

Weil Ihre Expertise auch abseits der Bühne gefragt war, begann sie zunächst als Coach für Körpersprache und Kommunikation, später gab sie vermehrt Trainings für Potentialentwicklung und Emotionen.

Die zweifache Mutter bleibt trotz der vielen Erfahrungen neugierig und entwickelt sich gerne weiter.

Teambuilding und Transformation stehen derzeit in ihrem Fokus.

 

Durch das Interview führte Christoph Smak