Die Tiefe der Oberflächlichkeit - Philosophie und New Work

Michael, Du befasst Dich mit Philosophie, ich mit New Work und Agilität. Haben wir überhaupt genügend thematischer Überschneidung, um ein ganzes Interview zu füllen?

 

In jedem Fall! Als ehemaliger Pfarrer und Professor habe ich durchaus Routine darin, mit meinen Worten längere zeitliche Abschnitte zu füllen und solange zu reden, bis mir ein Thema einfällt.

 

(Lachend) Und konkret?

 

Ich sehe sehr große Überschneidungen zwischen der Philosophie und den Themen New Work und Agilität. Beides sind keine Nebensächlichkeiten, sondern sehr prinzipielle Anfragen, welches Verständnis wir eigentlich zukünftig vom Arbeits- und Wirtschaftsleben haben werden. Dies sind auch immer die großen Fragen, welche Vorstellung wir vom Menschen haben, welche Werte er in seinem Leben verwirklichen soll, wie Arbeits- und Wirtschaftsleben so gestaltet werden können, dass sie diesen Werten entsprechen. Auch hier sind wir in einem Thema, in dem die Philosophie zu Hause ist.

 

Das klingt vielversprechend. Fast so, als könnten wir in der Philosophie diejenigen Antworten finden, die wir benötigen, um eine neue Arbeitswelt zu gestalten.

 

Die Philosophie kann hier in zwei Stoßrichtungen wichtige Impulse setzen: zum einen bietet sie - verstanden als methodisches und rationales Denken - die Möglichkeit, das Arbeitsleben oder die unternehmerische Situation umfassender zu verstehen, und kann so helfen, die Orte klarer zu benennen, an denen dann gehandelt werden soll.

 

Apropos Rationalität: die Schnelligkeit der „VUCA-Welt“ macht es schwierig bis unmöglich, Vorhersagen zu treffen und ein bindendes Fundament zu schaffen. Stellenweise ist Verwirrung und Frust ein Resultat davon. Kann uns die Philosophie eine heilende Orientierung bieten?

 

Das kann sie, und das ist sogar ihre Hauptaufgabe: sie soll dem Menschen Orientierung bieten über sich selbst und über die Welt, in der er lebt. Dies tut sie, indem sie die Komplexität der Welt nicht wegwischt und auf einfache Wahrheiten reduziert, sondern indem sie die Komplexität verstehbar macht durch die Mittel der Rationalität, der Logik, der Vernunft. In Zeiten von VUCA, in denen alles immer schneller und komplizierter wird, wird die Philosophie mehr denn je gebraucht. Sie hilft zu erkennen, was sich eigentlich ändert, aber auch, was sich nicht ändert, und wo mögliche Fundamente sein können, die uns in dieser überdrehten VUCA-Welt tragen können.

 

Was wäre der wichtigste Grundgedanke der Philosophie für die heutige Zeit?

 

Der wichtigste Grundgedanke, den die Philosophie zu bieten hat, ist die Tiefe. Wir sind oft oberflächlich. Weil es bequem ist. Weil Denken anstrengt. Die Welt um uns herum wird immer oberflächlicher, schnelllebiger und kurzsichtiger. Internet und Digitalisierung verschärfen diese Entwicklung. Was es heute mehr denn je braucht, ist der Wille, den Dingen auf den Grund zu gehen, zu reflektieren, einzuordnen. Einfach nachzudenken. Sich nicht in der Oberflächlichkeit zu verlieren, sondern in die Tiefe zu blicken. Denken ist anstrengend, kann aber etwas Wunderschönes, ja geradezu Befreiendes sein. Wenn man neue Zusammenhänge erkennt, wenn sich ein Puzzleteil zum anderen fügt und man ein immer klareres Bild der Wirklichkeit hat.

 

"Ich habe viele Sterbende gesprochen. Keiner blickte zurück auf seine berufliche Karriere, sondern auf seine Beziehungen."

Aus diesen persönlichen Erfahrungen und der philosophischen Tiefe, von der Du gesprochen hast: was würdest Du denjenigen empfehlen, die von der heutigen Welt irritiert, überrumpelt oder sogar überfordert sind?

 

Meine erste Reaktion wäre: sich nicht verrückt machen lassen, in Ruhe die Situation analysieren und vor allem: sich selbst treu bleiben. Das ist der Punkt, auf den es ankommt. Ich selbst habe ja in meiner Biographie auch sehr einschneidende Veränderungen erlebt. Die Frage, die sich mir stellte, war die nach dem, was ich eigentlich bin und will. Erst als ich das wusste, konnten die Veränderungen kommen. Und sie waren dann sogar notwendig, damit ich mir selbst treu bleiben konnte!

 

Sich selbst treu zu bleiben ist gerade in dieser schnelllebigen Welt wichtig, weil ich ja einen Standpunkt brauche, mit dem ich versuche, mich in dieser Welt zu orientieren. Dies gilt für einzelne Personen, aber auch für ganze Unternehmen: je klarer die Identität eines Unternehmens ist, desto besser kann es sich auf Veränderungen einstellen. Bevor ich also in Hektik auf die Welt schaue, ist es wichtig, erst einmal auf sich selbst zu schauen. Das ist alles keine billige Selbstverwirklichung (wann ist man denn nicht wirklich?). Wenn man sich verändern will, muss man sich erst einmal darüber klar werden, was man ist und was man sein will.

 

Und wenn wir nun die Unternehmen betrachten: Wie können ihnen Deine Erfahrungen helfen? Womit kannst Du als Ex-Priester, Professor und Philosoph Aha-Effekte und Lernerfahrungen bei Wirtschaftsvertretern hervorrufen?

 

Ich sehe da vor allem zwei Dinge, das eine ist eher "priesterlich", das andere eher "philosophisch". Als Priester ist es die Wichtigkeit des Menschseins. Das klingt jetzt sehr allgemein, ist aber sehr konkret: bei allem, was wir tun, gibt es eine menschliche Ebene, auch im Unternehmen. Ich habe viele Sterbende gesprochen. Keiner blickte zurück auf seine berufliche Karriere, sondern auf seine Beziehungen: zu seinen Freunden, Partnern usw. Wie wir Menschen unser Zusammenleben mit anderen Menschen gestalten und ordnen, ist ganz entscheidend für die Frage nach unserem Lebensglück. Und dieses Thema müssen die Unternehmen ins Auge fassen: wie kann das Unternehmen zu einem Netz gut funktionierender menschlicher Beziehungen werden?

 

Als Philosoph geht es mir darum, den Unternehmen zu vermitteln, dass die Welt - und auch sie selbst - tiefer und komplexer sind, als sie es sich bisher vorstellen. Hieraus ergeben sich viele neue Perspektiven, viele neue Möglichkeiten, die bisher gar nicht gesehen und verwirklicht wurden. Und das Schöne: beide Ebenen gehören zusammen! Es geht um das Menschliche und um eine Tiefe und Komplexität, die eben aus dem Menschlichen kommt. Weil Unternehmen, Produkte, Markt und Wirtschaft etwas zutiefst Menschliches sind. Und diese Haltung ist überhaupt anti-ökonomisch, weil langfristiger Erfolg ohne Beachtung dieser Ebene nicht möglich ist.

 

Wer mehr über Anregungen zu dem Thema haben möchte, liest am besten Michaels

neuestes Buch: „Philosophie in der Unternehmensberatung:

Methodisches Denken für die Praxis“

Durch das Interview führte Christoph Smak

Michael Rasche, PD Dr. Dr.

2001-16 Kath. Priester, 2015-16 Professor für Philosophie an der KU Eichstätt-Ingolstadt,

seit 2017 tätig als Unternehmensberater (www.michaelrasche.eu)

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Kommentare: 1
  • #1

    Mia Bentgens (Dienstag, 15 Januar 2019 00:20)

    Sehr gut auf den Punkt gebracht.....das Menschliche zählt......Bremsklotz ist dass es zunächst anti-ökonomisch wirkt.
    als Kind habe ich mich manchmal gefragt wie mein Vater als guter Christ auch ein guter Geschäfts mann sein kann.....